Vom Ankommen

Aktualisiert: Apr 19


Foto: Emsworthy. Lydia Eberhard

Einen ganzen Tag hatte ich nun schon in meinem Domizil in einem englischen Dorf am Rande des Dartmoors verbracht. Ich hatte Clotted Cream mit Erdbeeren genossen und dazu selbstgemachte Scones und war barfuß über die taunasse Gänseblümchenwiese hinter meiner Scheune gelaufen. Es war zauberhaft. Aber nun stand mir der Sinn nach einem Sonnenaufgangsabenteuer. Praktischerweise war ich um 4:30 Uhr aufgewacht - die Gelegenheit war günstig. 11 Uhr, so rechnete ich mir aus, würde ich wieder zurück sein und die wunderschöne Dorfkirche zum Gottesdienst besuchen. Bis dahin waren es aber noch ein paar Stunden, genug, um quer durch das ganze Dartmoor zu einem meiner Traumziele, Emsworthy, zu fahren. Ich war im Morgengrauen aufgebrochen. Es war Mai und kalt. Mein kleiner weißer Mietsuzuki brummte beharrlich die übersteilen Hänge hinauf. Und im englischen Klassikradio wurde Tschaikowsky gespielt, Klavierkonzert No. 1, eines meiner liebsten. Im Osten dämmerte es. Dankbar sah ich, dass Schafe und Ponies zu dieser Stunde die Straßen mieden. Und so rollte ich zielstrebig nach Two Bridges, dem einsamen Verkehrsknotenpunkt des Dartmoors, an dem sich zwei Straßen treffen. Schon hatte ich drei Viertel der Strecke hinter mir, und rollte durch ein dunkles Wäldchen als es vorne links einen heftigen Schlag tat...ein Stein? ein Tier? Oder nur eines der vielen dramatischen Schlaglöcher? Nun, ich rollte noch durch eine Senke und über eine der schmalen Brücken, die genau einem Vehikel Platz bieten, dann ein Stück den Berg hinauf... doch schließlich konnte ich das sanfte Schlingern nicht mehr ignorieren und bog in einen sich anbietenden Feldweg. Es war Sonntag Morgen, noch vor 6, und ja, ich stand mit einem geplatzten Reifen irgendwo im Dartmoor.

Während ich haderte, dass ich meinen Wagen ja dokumentierterweise bereits mit einem Schaden an genau diesem Rad gemietet hatte, suchte ich die Pannennummer heraus. Frustriert musste ich feststellen, dass ich noch nicht einmal ein Ersatzrad dabei hatte... Wenn ich nur Netz hätte...

Also sah ich mich grummelnd mit der Vulnerabilität unserer Zivilisation konfrontiert... und nahm achselzuckend ein paar Schritte hinauf ins Moor. Doch selbst auf dieser kleinen Anhöhe konnte ich nicht telefonieren. Und so lief ich zum Auto zurück, blickte wehmütig zu zwei Häusern in der Ferne, und plante, dort hin zu wandern... zu einer vernünftigen Zeit...

In diesem Augenblick kam ein Auto über die Bergkuppe... und obwohl ich weder winkte noch sonstwie auf mich aufmerksam machte, blieb es neben mir stehen. Ein Paar gutmütige blaugraue Augen grüßten aus dem Fahrgastraum, und der Mittfünfziger erkundigte sich besorgt, ob denn wohl alles in Ordnung sei. Eine junge Frau wie ich um diese Zeit ganz alleine im Dartmoor? Ich wies auf mein Gefährt: "I've pierced my tyre..."

Der freundliche Herr bot an, mich ein Stück mitzunehmen - nach Princetown. Nun, da ich alternativ zwei Stunden an einem unwirtlichen Platz in der Kälte verbracht hätte, sagte ich zu. Es sei auch zu unsicher hier für ein Mädchen allein, betonte der Fahrer. Lächelnd dachte ich an all meine bisherigen Reisen und wollte abwinken - stattdessen aber nickte ich. Es tat gut, dass ein völlig Fremder sich auf eigene Initiative um mich kümmerte. Welch ein Glück, dass er genau in diesem Augenblick erschienen war. Er erwies sich als Organisationstalent. Sogleich begann er, on my behalf mit allen möglichen Stellen zu telefonieren. Es wunderte mich aber doch, dass er um diese Zeit unterwegs war. Ja.... er sei auf dem Weg zum Dienst. Ob ich wohl das legendäre Gefängnis von Princetown kenne? Er sei dort Wärter. Ich hob die Augenbrauen und musterte ihn erstaunt. So hatte ich mir einen Gefängniswärter nicht vorgestellt - nicht in einem Hochsicherheitsgefängnis! Untersetzt, mit wachen Augen und voller Freundlichkeit. Er hätte Einzelhändler sein können, oder vielleicht Lehrer an der Dorfschule. Es passte nicht. Er werde mich nun am Princetown Post Office absetzen, selbiges würde 7 Uhr öffnen. Dort solle ich mich an Mark wenden, und der werde dann alles Weitere für mich regeln. "Sag ihm einen schönen Gruß von Christian."

... Fortsetzung folgt!


25 Ansichten

@2019 by Lydia Eberhard